Adieu, Internet Explorer. Nachruf auf einen treuen Begleiter*

Diese Todesnachricht hat kaum Betroffenheit ausgelöst: Microsoft stellt den Internet Explorer ein. Keine Frage, heute benutzt ihn kaum noch jemand. Aber das war mal anders: David Ehl erinnert in einem Gastbeitrag an die glorreichen Zeiten des Microsoft-Browsers.

Wenn ich gelegentlich beim Zeitung lesen bis zu den Todesanzeigen vorstoße, merke ich, dass es zwei Kategorien gibt: Bei den Jüngeren denke ich „wie tragisch, viel zu früh zu sterben“. Bei den Älteren ist das zwar immer noch traurig, aber ich hoffe, dass sie ein erfülltes Leben hatten. Mitunter könnte sogar mit dem Tod eine Last von den Angehörigen abgefallen sein, die sich beim Pflegen der jetzt Toten vielleicht über Jahre hinweg aufgeopfert hatten.

Lebensdaten wie „1995 – 2015“ zählen ohne Frage zur ersten Kategorie. Wenn ein Mensch so früh gehen muss, ist das tragisch. Wenn hingegen ein Computerprogramm eingestellt wird, ist schon beachtlich, dass es überhaupt so lange durchgehalten hat. Vor allem, wenn es schon so lange einen schleichenden Tod gestorben ist.

Die aufregende, erste gemeinsame Zeit

Ich kann mich an Zeiten erinnern, in denen der Internet Explorer Maßstäbe gesetzt hatte. Heute kaum mehr vorstellbar, war dieser Browser wirklich einmal State of the Art. Ich war damals in der HTML-AG meiner Schule und fand die (aus heutiger Sicht umständliche) Bedienbarkeit so viel besser als das des Netscape Navigators. Die einfachen 00er-Jahre-Webseiten, die ich damals händisch programmierte, sahen in dir viel besser aus, lieber Internet Explorer. (Zu meiner Person: Ich bin Digital Native und gar nicht so alt wie das jetzt klingt, aber Zehn-Finger-Schreiben habe ich trotzdem noch in einer MS-DOS-Oberfläche gelernt. Ich habe halt einfach früh angefangen.)

Der Internet Explorer begleitete meine infantilen Interneterfahrungen: Mit ihm surfte (auch so ein Wort, das aus der Mode gekommen ist) ich zu icq.com, um mir den 2002 total angesagten Messenger herunterzuladen. Im Internet Explorer habe ich meine erste E-Mail-Adresse registriert. Mit ihm habe ich wohl auch die ersten Flash-Animationen kennen gelernt. Vielleicht habe ich mich mit ihm sogar bei meinem ersten sozialen Netzwerk angemeldet. Dann entfernten wir uns voneinander.

Der Entdecker bleibt zurück

Da gab es einen Browser namens Opera, der viel schneller war (sofern man das mit unserer ISDN-Verbindung überhaupt merkte) und in dem man, um bei Google zu suchen einfach nur ein „g“ und den Suchbegriff in die Browserzeile tippen musste. Besonders fortschrittlich: Ich konnte verschiedene Seiten in Tabs anzeigen, anstatt für jede ein eigenes Fenster öffnen zu müssen. Es war nicht mehr der Internet Explorer, in dem ich mein erstes YouTube-Video schaute, mit dem ich zum ersten Mal online Geld verschickte, oder in dem ich eine browserbasierte Arbeitsoberfläche kennen lernte. Mit mir ist auch das Internet erwachsen geworden – die Vorstellung eines Internet-Entdeckers, was der Name des Browsers wörtlich bedeutet, ist nicht mehr zeitgemäß.

Auch von Opera bin ich längst abgekommen. Lange noch benutzte die Welt um mich weiter tapfer den Internet Explorer, auch wenn überall von den wesentlich stärkeren Sicherheitsrisiken zu lesen war. Die Deutschen hielten sogar überdurchschnittlich lange am Internet Explorer fest. Und das, obwohl sämtliche Medien (die man mittlerweile auch im Internet konsumieren kann, immerhin sind die Todesanzeigen bisher noch Print only geblieben) ihn als unsicher und obendrein viel zu langsam herunterschrieben.

Überflüssig, aber unvergessen

Der altbackene Internet Explorer hat dem Ansehen von Microsoft geschadet. Der Softwarekonzern von Bill Gates muss auch schauen, wo er bleibt. Zuletzt ist er den Entwicklungen anderer blass hinterhergehinkt. Es war eine logische Entscheidung, die Innovationsbremse vom Konzern zu lösen. Der Internet Explorer ist überflüssig geworden. Sogar die Generation meiner Eltern nutzt mittlerweile Chrome, Firefox und Co.

Eine Zeit lang war das anders, und da wir gerade im Internet alle zu wenig wertschätzen, sollten wir unseren Hut ziehen und ohne Hohn sagen: „Danke, Internet Explorer“. Auch wenn sich die wenigsten dran erinnern, hat uns der Browser einst treue Dienste geleistet. Wir sollten jetzt ein Bitcoin auf seine Augen legen, wenn der Netscape Navigator ihn in den Hades herabholt. Mich stimmt tröstlich, dass der Internet Explorer dort endlich wieder mit Windows 95, Wer-Kennt-Wen und der Floppy Disk vereint ist.

 

* Diesen Nachruf hat David Ehl geschrieben. Vielen Dank für den Gastbeitrag! Davids Blog findet ihr unter davidehl.com.
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