Zum Prügeln verabredet – Kann Facebook schuld an Gewalt sein?

Über Facebook haben sich junge Leute zum Prügeln verabredet. Es kam zu einer Schießerei, ein Mädchen starb. Einige Nutzer finden nun, Facebook habe Schuld an diesem Tod. Aber warum?

Bei Amokläufen wird die Schuld schnell auf „Killerspiele“ und „die Medien“ geschoben – nun soll Facebook am gewaltsamen Tod einer 14-Jährigen Schuld sein. Sie soll sich mit anderen Mädchen zu einem Faustkampf verabredet haben, ein Video des Kampfes sollte später ins Internet gestellt werden. Zu dem Treffen kamen die zwei mutmaßlichen Täter hinzu und schossen auf die Mädchen. Die 14-Jährige starb, zwei weitere Opfer seien verletzt worden. (Die komplette Meldung zu dem Vorfall könnt ihr hier lesen.)

Laut dpa soll der Streit auf Facebook begonnen haben.  Grund genug, dem Netzwerk die Schuld zuzuweisen? So sehen es wohl einige Nutzer von mimikama.at, einer Seite, die gegen Internetmissbrauch kämpft und vor allem über Facebook aufklärt. Der Verein schreibt auf seiner Facebookseite:

Die Kommentatoren scheinen sich einig zu sein: Facebook trage keine Schuld am Tod des Mädchens. Man könne das Netzwerk nicht dafür verantwortlich machen, wofür seine Nutzer es verwenden. Schließlich könne man auch einen Provider nicht verantwortlich machen, wenn sich Leute übers Telefon zur Klopperei verabreden und der Streit eskaliert.

Community-Standards: Keine Gewalt

Eine Nutzerin sagt jedoch, „FB hätte eingreifen müssen und die Polizei informieren müssen, da es um Körperverletzung geht und diese angekündigt wurde. Das ist wie bei Suizidankündigungen!“ Aber kann Facebook das überhaupt leisten? Und muss es das?

Theoretisch ja. In seinen Community-Standards schreibt Facebook klare Regeln vor: Keine Gewalt oder Drohungen, kein Mobbing, keine grafischen Darstellungen von Gewalt. Beiträge, die solche Inhalte aufweisen, werden von Facebook gelöscht. Dabei arbeitet Facebook über ein sogenanntes Reporting-System: Wer einen fragwürdigen Beitrag entdeckt, meldet ihn und wartet auf Rückmeldung von Facebook. Ein eigenes User-Operations-Team überprüft die gemeldeten Beiträge, so Tina Kulow von Facebook: „Unsere Reporting-Systeme sind dafür entwickelt, Menschen vor Missbrauch, Hass-Rede und Mobbing zu schützen“.

Systeme machen auch Fehler und löschen Beiträge unrechtmäßig – oder übersehen solche, die auf ein Problem in der realen Welt aufmerksam machen. Das war hier der Fall, denn die Ankündigung, sich in der Offline-Welt zu prügeln, bricht mit den Community-Regeln:

"Wir entfernen die entsprechenden Inhalte und ergreifen gegebenenfalls rechtliche Maßnahmen, wenn wir ein echtes Risiko physischer Gewalt oder eine Bedrohung der öffentlichen Sicherheit wahrnehmen. Es ist dir untersagt, anderen glaubhaft Gewalt anzudrohen oder Gewalttaten in der echten Welt zu organisieren." (Quelle)
Verantwortung bei den Nutzern

Nun hat Facebook im konkreten Fall kein echtes Risiko wahrgenommen, was aufgrund des Reporting-Systems auch nur über eine Meldung hätte erfolgen können. Selbst wenn Facebook entsprechend reagiert hätte: Es wäre wohl zu spät gewesen. Schließlich kann das Netzwerk nicht in Echtzeit eine Inhaltsanalyse aller Unterhaltungen und Postings vornehmen, um seine User zu beschützen. Über eine Milliarde Accounts auf Facebook – wie soll da jedes Anzeichen einer Schlägerei erkannt und als solches gedeutet werden? Auf der einen Seite zetern alle, Facebook solle unsere Unterhaltungen nicht mitlesen, andererseits soll Facebook aber auch jeden Streit (in der realen Welt) im Keim ersticken.

Auch wenn Facebook ein Unternehmen ist, das verantwortungsvoll handeln sollte, kann man nicht fordern, dass es die Verantwortung für die Aktionen der Nutzer übernehmen sollte. Und ja: Die Telekom ist auch nicht schuldig, wenn ein Psychopath Morddrohungen auf einem Anrufbeantworter hinterlässt. Facebook bietet die Plattform, stellt die Infrastruktur, in der Kommunikationen ablaufen. Die Inhalte generieren die Nutzer. „Von sozialen Netzwerken werde […] etwas erwartet, wofür sie nie geschaffen worden sind – Netzwerke seien lediglich Infrastruktur, ein Instrument, um Inhalte zu generieren, nicht mehr und nicht weniger“, zitiert Politik-digital.de Marek Tuszynski, Mitgründer des Tactical Technology Collective.

Die Nutzer müssen sich im Klaren sein, dass das Internet kein rechtsfreier Raum ist und ihre Aktionen dort Konsequenzen in der realen Welt haben können. Denn es ist immer noch die reale Welt, die mit Facebook eine neue Plattform zum Austausch gefunden hat. Auch wenn Facebook im konkreten Fall eine Drohung übersehen hat, so schnell wie nötig hätte das Netzwerk wohl kaum reagieren können. Und abgesehen von der Diskussion um die Verantwortung von Facebook hat in der Regel immer noch derjenige Schuld am Tod eines Erschossenen, der den Abzug gedrückt hat.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s