#de25 – Hashtag der Woche

Unter dem Hashtag #de25 stellt das ZEIT Magazin eine Serie vor, die sich mit den ersten 25 Jahren nach dem Mauerfall beschäftigt. Den Auftakt bildet eine Sammlung von neun Texten, geschrieben von Menschen, die aus dem Osten Deutschlands stammen. Hier ein Beitrag von mir.

25 Jahre ist es her, dass die Mauer BRD und DDR voneinander trennte. Ein Vierteljahrhundert. Zu wenig Zeit, um Mauern in den Köpfen zu überwinden. Jedoch genug Zeit, um eine erste Bilanz zu ziehen und die junge Generation zu Wort kommen zu lassen. Auf ZEIT Magazin Online startete am Freitag die Serie „Die ersten 25 Jahre“. Die ersten neun Beiträge beschäftigen sich mit alltäglichen Sprüchen, sozialen Ungerechtigkeiten, Feminismus und kulturellem Gedächtnis. Und so soll die Serie weitergehen:

Zwei Monate lang wollen wir das neue Land kartografieren. Was ist geschehen, seit die Menschen auf dem Todesstreifen tanzten? Sind die Deutschen schon wieder geeint? Müssen sie das überhaupt sein? Und wo wirkt die Wiedervereinigung noch heute? Wir glauben, dass dieser Prozess noch lange nicht abgeschlossen ist.

Ich bin gespannt, wie die Reihe fortgesetzt wird. Weil mich das Thema persönlich betrifft.

Ich habe den Großteil meines bisherigen Lebens in Sachsen verbracht, in der Nähe von Leipzig. Zum Studieren bin ich dann nach Marburg und später nach Mainz gezogen. Wenn man genau hinhört, erkennt man meinen Dialekt (oder man bekommt mit, wie ich mit meinen Eltern telefoniere). Ich schäme mich dafür nicht, bekomme eher selten blöde Sprüche zu hören und war bislang doch angenehm überrascht, wie wenig ich wegen meiner Herkunft veralbert wurde.

Neulich hatte ich aber eine Begegnung, die mich wirklich geärgert hat. Und zwar in zweierlei Hinsicht. Ich bin in Frankfurt mit einer Frau ins Gespräch gekommen, die dort seit einigen Jahrzehnten lebt und sich auch dementsprechend in der Gegend auskennt. Sie erzählte mir ein paar Dinge über Frankfurt, wir kamen auch auf Marburg zu sprechen und sie sprach über die Philosophen Adorno und Horkheimer. Irgendwann eröffnete sie mir, dass sie etwas gegen Ostdeutsche habe. Ein Trauma, das von Begegnungen herrührt, die sie mit Ostdeutschen hatte.

Ich bin freundlich geblieben, hatte auch gar keine Lust mit ihr darüber zu diskutieren. Ihre Meinung schien festzustehen und ich wollte ja irgendwann auch mal weitergehen. Ich habe also ganz beiläufig erwähnt, dass ich übrigens auch aus diesem ominösen Ostdeutschland komme. Für sie war vor allem der sächsische Dialekt schlimm, und die Personen die sie damit verbindet. Wie schnell sich doch Vorurteile bilden können, wenn man nur bereit dafür ist.

Was mich an dem Gespräch geärgert hat, waren zwei Dinge. Erstens: Ich hätte dieser Frau direkt ins Gesicht sagen sollen, dass sie gar keine philosophischen und historischen Reden halten braucht, wenn sie es nicht einmal schafft, Vorurteile abzulegen. Zweitens: Ein kleiner Teil ihrer vielen Aussagen traf mich, weil ich sie nachvollziehen konnte. Da ging es darum, was aus DDR-Zeiten übrig geblieben war, an Mentalität und Strukturen. Ich musste an das Dorf denken, in dem ich viele Jahre gewohnt habe. Meine Eltern und ich waren aus Nordrhein-Westfalen wieder nach Sachsen gezogen, weil wir an den Aufschwung glaubten (also eigentlich meine Eltern, denn ich war erst 4 Jahre alt). Damit waren wir aber für viele „die Neuen“, denen viele darum misstrauisch begegneten. Ich denke an unsere Nachbarn, die ihren Einfluss im Dorf wohl aus DDR-Zeiten mitgenommen hatten. An den Festumzug, zu dem ich in Pionierkleidung mitlaufen sollte – meine Eltern überredeten mich jedoch ganz schnell, bei einem anderen Festwagen mitzulaufen. Sie wollten ihre Tochter nicht in der Uniform einer DDR-Organisation herumlaufen sehen. Ich erinnere mich auch an unsere alte Kreisstadt, in der immer weniger junge Leute wohnen. Dort gab es beispielsweise mal eine sehr interessante Stadtführung zum Thema „Lebenswege von jüdischen Familien“, an der kaum Leute teilnahmen. Aber oft bekam man Gemecker darüber mit, dass nie etwas los sei.

Auch wenn sich vieles zum Positiven verändert hat, es sind noch merkwürdige Sitten und Denkmuster geblieben. Anscheinend konnte die Frau in Frankfurt aber ebenso wenig aus alten Denkmustern ausbrechen. Sie rechtfertigte ihre Abneigung gegen „Ossis“ und regte sich später noch über Frauen mit Burkas auf. In dem Moment wusste ich, dass es richtig war, nicht mit ihr zu diskutieren – es wäre Energieverschwendung gewesen. Ich habe ihr gesagt, sie solle dem Osten noch eine Chance geben. Ich bezweifle, dass sie es tun wird.

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5 Kommentare

  1. Selbst die merkwürdigen Sitten sind doch keine Besonderheit Ostdeutschlands: Im Saarland laufen wir zwar nicht mit Pionieruniformen durchs Dorf, machen aber in der Summe mit Sicherheit genau so viele verschrobene Sachen. (Zum Beispiel ist hier nächste Woche Kirw, da wird dann dienstags der Hannes beerdigt.) Ich wüsste mal gerne, ob mich deine Gesprächspartnerin auch am liebsten nach Frankreich zurückschicken würde… 😉

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    • Das stimmt wohl, merkwürdige Sitten findet man wahrscheinlich überall 😉 Mir ging es bei dem Beispiel aber darum, dass die Vergangenheit teilweise nicht hinterfragt wird. Es ging da um einen Festumzug, der die Geschichte des Dorfes zeigen sollte und ich (8 oder 9 Jahre alt) bekam zunächst nur erzählt, dass ich da eine hübsche Bluse und ein Tuch tragen könne…

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