Benutzer definiert: 60 Arten von Geschlechtern auf Facebook

Seit heute könnt ihr auf Facebook nicht mehr nur männlich oder weiblich sein. Unter „Benutzerdefiniert“ finden deutsche Facebook-Nutzer jetzt 60 Möglichkeiten, ihr Geschlecht zu benennen. Eine schöne Geste, die aber nicht nur Gutes bringt.

Sonst weist Facebook eigentlich immer recht deutlich auf seine Neuerungen hin: Die neue Chronik, das neue Design und die neue Gruppenverwaltung wurden mit kleinen Meldungen eingeführt. Was die Nutzer in Deutschland ab heute tun können, entdeckt man allerdings nur zufällig oder man hat, wie ich, eine News-Seite wie Spiegel Online geliked. Unter „Kontaktinformationen und allgemeine Infos“ verbirgt sich nun eine Auswahl von 60 Geschlechtsbezeichnungen, darunter exotisch anmutende Namen wie Two Spirit und Neutrois. Deutschland ist damit das erste nicht-englischsprachige Land, in dem es diese Auswahl gibt.

Bei der Facebook-Einstellung geht es weniger um korrekte Anrede als um Identität. Facebook bietet die Möglichkeit, sich im Netz ein Profil anzulegen, sich auszutauschen und seine Identität digital abzubilden. Die Geschlechterbezeichnung, die sich ein Nutzer dort aussucht, ist die, die er sich selbst zuschreibt. Sie ist, wie die Option es auch selbst benennt, vom Benutzer definiert. Renate Rampf vom Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD) sagt: „Für den LSVD ist gendersensible Sprache ein Zeichen des Respekts gegenüber Verschiedenheiten. Selbstbezeichnung ist auch Selbstbestimmung.“

Geschlecht ist nicht nur Biologie

Facebook hat mit dem LSVD zusammengearbeitet, um mit den neuen Möglichkeiten so vielen Menschen wie möglich ein umfassendes Angebot zu machen. Renate Rampf erklärt, warum es so viele Bezeichnungen geworden sind:

Warum nicht den Unterschieden innerhalb der Geschlechter Namen geben? Die Begriffe, die unter der Rubrik „Benutzerdefiniert“ gewählt werden können, sind die Übersetzung der schon in der englischen Spracheinstellung angebotenen Termini und Selbstbezeichnungen wie butch und femme oder Inter* und Trans*, die im deutschen Sprachraum üblich sind. […] Es ist also die Vielfalt des Regenbogens, die sich hier abbildet. Vielleicht kommen ja noch mehr hinzu: Denn wer ist schon normal? Mustermann und Musterfrau sind Fiktionen.

Diese Möglichkeiten erscheinen zum Beispiel, wenn ich ein "w" in das Eingabefenster tippe. (Screenshot von Facebook)
Diese Möglichkeiten erscheinen zum Beispiel, wenn ich ein „w“ in das Eingabefenster tippe. (Screenshot von Facebook)

Geschlecht definiert sich lange nicht mehr allein über die biologische Zugehörigkeit, auch Emotionen, Kultur und Psychologie spielen mit hinein. Damit ist im Alltag nicht immer einfach umzugehen, das fängt bei ganz einfachen Dingen wie der oben angeführten Anrede an. So wie das Fräulein aus dem Sprachgebrauch weitgehend verschwunden ist, wird es aber bestimmt bald auch neue Bezeichnungen für Menschen geben, die Mann und Frau als unpassend empfinden. Und solange das nicht mit komplizierten Briefköpfen mit zehn verschiedenen Anreden endet, finde ich das auch wichtig und richtig. Die Facebook-Neuerung ist davon aber ohnehin nicht betroffen. Die Nutzer können dahingehend jetzt einstellen, ob Facebook sie als männlich, weiblich oder nicht zugeordnet („gratuliere ihr/ihm zum Geburtstag“) einordnen soll.

Gezieltere Werbung möglich

Die ersten bösen Kommentare zu der Facebook-Neuerung sind schon unter den Postings von Spiegel Online und Co. gelandet. Renate Rampf über Kritiker der Änderung: „Wenn einige mit wenig Möglichkeiten zufrieden sind, gut. Für die anderen gibt es nun mehr Optionen. Man sollte sich nicht darüber aufregen, das nimmt niemandem etwas weg.“

Auch wenn Facebook mit dieser Aktion einen Teil seiner Nutzer sehr glücklich macht, hat das Unternehmen wohl kaum aus reiner Menschenliebe gehandelt. Immerhin ist so noch gezielteres Werben möglich. Auch wenn die Einstellung nicht öffentlich gemacht werden muss, bleibt sie gespeichert und gibt weitere Hinweise auf den Nutzer. Das ist das Problem an der Internetidentität: Sie ist bares Geld wert und daher für das Unternehmen interessant. So erfährt Facebook nun noch detaillierter, wer es eigentlich benutzt.

Übrigens: Für welches Geschlecht sich der Nutzer interessiert, kann er oder sie noch nicht so detailliert angeben. Männer und Frauen gibt es unter dieser Option. Immerhin kann beides angekreuzt werden.

Was meint ihr: Was überwiegt? Freude über mehr Vielfältigkeit oder Misstrauen gegenüber weiterer Datenerfassung?

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