Videoday 2014: Wie die YouTube-Stars gefeiert werden

Stream sei Dank konnte ich heute beim VideoDay dabei sein, dem größten YouTuber-Treffen in Deutschland. Und die Hauptshow hat im Vergleich zum Vorjahr nochmal zugelegt: Größer, lauter und gefühlte drei Millionen Selfies pro Person.

Vor ein paar Jahren noch trafen sich die YouTuber und ihre Zuschauer auf der GamesCom, heute gibt’s Bühnenprogramm und Autogrammstunden in der Lanxess-Arena in Köln. Tagsüber kann man die YouTuber treffen, Merchandise kaufen und viele Leute treffen, ab dem Nachmittag gibt es große Bühnenshows. Der VideoDay ist inzwischen der größte Treffpunkt Deutschlands für YouTuber, Videokünstler und ihre Zuschauer. Die Organisation hat sich in der Zeit professionalisiert und bietet für alle, die nicht dabei sein können, auch einen Stream – wie soll es anders sein – auf YouTube.

Streamen mit den üblichen Hindernissen

Als ich gegen 14:30 Uhr in den Stream reinschaue, geht es um Kondome. Kurzaufklärung am Nachmittag: Haltbarkeitsdatum beachten und Safer Sex sind gut – das hilft gegen Krankheiten wie „Herpes“, die eine Boyband im Hintergrund besingt. „Sie hat Herpes an ihrem Damenbart“, singen vier Jungs, während die Generation drüber in der Talk-Ecke über das erste Mal und Sex-Protzer spricht. Anlass: Der YT-Kanal 61 Minuten Sex ist zu Gast bei Daniele Rizzo und Lord Abbadon. Während sich die vier nach dem Gespräch gegenseitig in den Himmel loben für ihre Kanäle, streikt mein Stream. Toll. War bei Wohnheiminternet ja mal wieder nicht anders zu erwarten. Dabei hab ich schon die nervigen Kommentare am Rand ausgestellt.

So, es geht weiter. Noch ein wenig Geplaudere und dann gibt es einen Einspieler: Impressionen vom Freitag. Bilder vom Aufbau. Da werden einem die Dimensionen vom VideoDay erstmal bewusst: In die Lanxess-Arena passen bis zu 16.500 Leute. 15.000 Tickets wurden verkauft, erzählt Daniele Rizzo später. (Und Mediakraft-Präsident Christoph Krachten erzählt während der Hauptshow, letztes Jahr seien 80 Journalisten da gewesen – dieses Jahr sollen es 170 sein.)

„Kaum einer hört mir zu, aber ich hab Spaß!“

Plötzlich Chaos und ganz viele Hintern im Bild: Die Lochis und Bullshit TV haben die Talk-Ecke übernommen und drängen alle Leute weg, ohne dass man den Grund erfährt. Dabei hatte Daniele Rizzo gerade noch einen neuen Gast dazubekommen. Ohne Ankündigung oder irgendeine Art Übergang hat die komplette Talkrunde gewechselt. Die Jungs erzählen sich flache Witze und regen sich über Fragen auf, die sie von „typischen Reportern“ immer wieder gestellt bekommen. Im Hintergrund immer mal Geschrei. In ein paar Minuten geht die Show los. Solange labern sie noch über Lampenfieber und das Geschehen im Hintergrund.

Schnitt. Die Show geht los – im Stream auch. Aber nur kurz, denn jetzt kommt „nur“ das Vorprogramm und Daniele Rizzo ist nun auf dem roten, pardon: telekompinken Teppich unterwegs. Es gibt tatsächlich einen Teppich, mit Absperrungen, Presse und wartenden Fans. Und von dem aus wird nun gesendet. Autos fahren vor und laden bekannte YouTuber ab: iBlali, Bibis Beauty Palace, Alexibexi, daaruum und noch ein paar andere laufen auf und nehmen sich erstmal Zeit für die Fans. Für die Lochis, ApeCrime und Y-Titty wird dann lauter geschrien. Robert Hofmann von DVD-Kritik (der übrigens genau wie daaruum auch Schauspieler ist), fasst im Interview mit einem Augenzwinkern zusammen, wie unterschiedlich die YouTuber ihre Zeit auf dem VideoDay verbringen: „Ich stehe hier, rede, kaum einer hört mir zu, aber ich hab Spaß!“

Ein neuer Starkult

Ich gestehe: Ich bin zwiegespalten, was dieses ganze Event angeht. Einerseits: Geil, die Fans können ihre Stars treffen und die YouTuber bekommen mal live und lautstark mit, wer so alles auf ihre Videos steht. Und die Stimmung ist ja auch gut. Andererseits macht es mir Angst. Da kommt eine Beauty-Vloggerin aus einer Limousine auf wartende Fans zu und alle kreischen hinter der Absperrung und wollen ein schnelles Autogramm erhaschen, vielleicht noch auf ein Selfie mit drauf. Als Taddl auf die Bühne kommt, fallen mir bei normaler PC-Lautstärke fast die Ohren ab – so ein Gekreische hab ich seit Tokio-Hotel-Zeiten nicht mehr gehört. YouTuber sind die neuen Stars der Jugend, das ist jetzt keine neue Feststellung. Aber mit diesem Starsein kommt auch eine Erhebung in den Himmel – und damit geht das ganze irgendwie von dem Gedanken weg, dass die Künstler selbst ja auch irgendwie Teil der Community sind. „Die schreien ja, als wären das Weltstars“, hat ein Nutzer im Livestream die Ankunft von ApeCrime am pinken Teppich kommentiert.

Abgesehen davon feiern die YouTuber in der Hauptshow ihre Community und sich selbst mit viel Spaß an der Sache. Dann wirkt das wieder wie eine große gemeinsame Party mit den Fans. „Das hier zeigt, dass die Leute hier auf der Bühne zu euch gehören!“, sagt Krachten nach dem Auftritt von ApeCrime. „Die kommen alle von euch.“ Mit dem Bühnenprogramm haben alle Acts das auch demonstriert: Videos zusammen drehen, Musik, mitsingen, Auftritte ansagen und zuletzt der ‚Auftritt‘ der Community, die zusammen den YouTuber-Song von Digges Ding singt – und jede Menge Selfies. Bühnen-Selfies gibt es jetzt wahrscheinlich auf jedem Instagram-Profil, dessen Inhaber am Samstagnachmittag aufgetreten ist. Da wurde nochmal gejubelt und gebrüllt. Gebrüll auch für die YouTuber, die dieses Jahr den Goldenen Playbutton gewonnen haben: Albertoson, Aggro TV, ApeCrime, Freshtorge, iBlali, LeFloid, Sarazar, Simon Desue und ungespielt. Das bedeutet: Diese Kanäle haben seit August 2013 die Million vollgekriegt. Über eine Million Abos für Comedy, Musik, News und Gaming. Dank der Fans – die sich auch entsprechend (und berechtigt) laut freuen.

Vielleicht bin ich mit 22 Jahren einfach zu alt, um das ganze Kreischen und Brüllen außerhalb solcher Verleihungen und der Auftritte zu verstehen, diese Vergötterung und das große Anhimmeln. Vielleicht habe ich eher das Bedürfnis, diese Leute mal zum Quatschen zu treffen anstatt ihren Namen zu schreien und sie damit ein Stück von mir zu entrücken (denn ganz ehrlich: wie soll man so ein normales Gespräch führen?). Irgendwie hat dieses ganze YouTube-Ding Dimensionen angenommen, die mich ein wenig ängstigen und die ich teilweise übertrieben finde. Aber wenn man mal drüber nachdenkt: Die Kanäle haben Millionen von Abonnenten, viele davon jung, begeistert und stimmgewaltig. Klar, dass sich das in so eine Richtung entwickelt. Und die YouTuber haben große Aufmerksamkeit verdient, für die viele Arbeit die sie in ihre Videos stecken und die Liebe, mit der sie den Kontakt zur Community pflegen. Aber wer YouTube noch als Hort der Pannenvideos und Katzenclips kennengelernt hat, mag das alles sehr gewöhnungsbedürftig finden. Und so geht es mir auch.

Aber es ist schön, so viele begeisterte Menschen auf einen Haufen zu sehen, die einfach Spaß am Event haben und sich freuen, die Leute live zu sehen, die ihnen sonst den Tag retten. Und die, wenn auch nur für ein paar Minuten, mit ihnen ein bisschen Zeit verbringen können. (Während ich im Live-Stream ständig Unterbrechungen und das Logo der Telekom habe. Dafür kann ich ab und zu auch mal die Lautstärke runterdrehen. 😉 )

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