Mit der Kartoffel aufgenommen

Das Internet vergisst nichts, keinen Trend, den man mal im Teenie-Alter mitgemacht hat. Die Facebook-Seite „Ich bin stolz, Deutscher zu sein“ mag inzwischen nicht mehr existieren, aber jeder kann sich dank YouTube und zeitjung.de immer noch die Kartoffelfotos stolzer Jungs (und eines Mädchens) anschauen.

Nach Planking und Roofing wendet sich die trendbegeisterte Jugend nun endlich gesundem Essen zu – naja, ganz so einfach ist die Erklärung für die Kartoffelporträts dann doch nicht. Das Wort „Kartoffelporträt“ (oder neudeutsch selfie mit Kartoffel) ist in diesem Sinne sogar doppelt zu verstehen. Einerseits wollen die Fotografen eine Beleidigung zum Nationalbekenntnis drehen. Andererseits erwecken manche Bilder den Eindruck, der Fotoapparat selbst sei ein Nachtschattengewächs gewesen.

Das „Schimpfwort“ soll zum Zeichen gegen Rassismus werden

Als Kartoffel bin ich persönlich noch nie bezeichnet worden, habe aber schon mal mitbekommen, dass dieses Wort Deutsche verunglimpfen soll. Ähnlich zu „krauts“, wie die krautessenden Deutschen im Krieg von ihren Gegnern genannt wurden, führt uns die Bezeichnung „Kartoffel“ zum Essen. Die Deutschen sollen also Knollen sein? Ein hoher Stärkeanteil und nur genießbar, wenn weichgekocht? Das lassen sich ein paar junge Leute nicht so leicht gefallen. Sie schreiten zum Gegenangriff und wollen gegen „Inländerdiskriminierung“ kämpfen. „Dann sind wir eben Kartoffeln!“, verkünden die Bilder, die wohl gerne an Dani Alves anknüpfen wollen.

Nun sollte man nicht jede Aktion im Internet für bare Münze nehmen, wenn man kein Insider ist. Henri Tartaglia (Autor bei VICE) konnte sich die betroffene Facebookseite jedoch anschauen, bevor sie vom Netz ging. Er beschreibt, wie sich die Seitenbetreiber in den Kommentaren vom Nationalsozialismus zu distanzieren versuchten. Mit ihren Beiträgen zeigten sie anscheinend wiederum, dass ihre Gesinnung wohl über den bloßen Nationalstolz hinaus zu reichen schien. Das macht es schwierig bis unmöglich, in der Aktion eine harmlose Demonstration gegen Intoleranz zu sehen.

Da kann der Großteil der Fotografen ja froh sein, nicht auch noch einen Kartoffelnamen zu tragen. Die Sorten tragen nämlich in der Regel Frauennamen (beziehungsweise solche, die man eher als weiblich auffassen würde). Und dass sich ein Django, Amado oder Sandrin unter den Fotografen befindet, wage ich zu bezweifeln.

Selbstporträts bis vor Kurzem noch auf YouTube zu finden

!! UPDATE: Das Video ist wegen Urheberrechtsproblemen momentan nicht zu sehen. Den Link habe ich an dieser Stelle belassen, falls es doch wieder online kommt. !!

 

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